Ich war wieder dort, bei den wilden Kaninchen. Am Handelskai, wo es zwischen all dem Beton noch ein paar grüne Flecken gibt, und wo man manchmal fast vergisst, dass man mitten in der Stadt ist. Ende April war’s, und die Sonne hat schon ein bisserl gewärmt. Und da waren sie – nicht nur die Großen, sondern auch die Kleinen. Die ganz Kleinen. Kleine knufflige Miniaturhasen, die schon genauso fleißig futterten wie die Erwachsenen. Nur ein bisserl scheuer noch, ein bisserl vorsichtiger. Bei denen brauchte ich wirklich mein Teleobjektiv – näher heran ging gar nicht.
Die meisten Kaninchen sind braun oder schwarz. Manche tragen ihr Fell wie einen alten Mantel, mit Flecken und Farbmischungen, als hätte jemand mit einem Malkasten experimentiert. Eine bunte Mixtur aus dem, was die Gene dort halt so hergeben.

Rundherum genossen die Menschen das Leben. Viele hatten Decken ausgebreitet, picknickten, tranken Kaffee, lasen oder dösten in der Sonne. Kinder liefen kreuz und quer – voller Energie und Neugier, wie Kinder eben so sind. Und immer wieder passierte es, dass eines zu nah an ein Kaninchen kam. Dann huschte das Tier ins nächste Gebüsch. Die Hunde, die ebenfalls unterwegs waren, hätten vermutlich gern die Jagd eröffnet – aber sie waren brav an der Leine. So blieb es beim Zerren und Winseln.
Kaum war wieder Ruhe eingekehrt, wagten sich die Kaninchen hervor. Sie mümmelten an mitgebrachten Salatstücken oder schnupperten interessiert an der Welt. Vielleicht schauten sie auch einfach nur zurück – auf uns Zweibeiner, die da lagen oder hockten mit Kameras und Handys, auf der Jagd nach einem süßen Schnappschuss.





Manche der großen Kaninchen waren dabei so mutig, dass sie sich mit ein bisschen Futter sogar ganz nah hertrauten. Mir ist es tatsächlich passiert: Ich lag flach am Boden mit meinem Teleobjektiv – 200–500 mm – bereit für das perfekte Bild, als ein freundlicher Passant mir etwas Gutes tun wollte. Er warf mir Karottenstückchen direkt vor die Linse. Sehr nett gemeint, wirklich! Aber ich musste auf mein Handy umsteigen. Denn: Wer sich mit Fotografie auskennt, weiß – so nahe bekomme ich mit dem Teleobjektiv nichts mehr scharf. Aber das war’s wert. Und irgendwie war’s auch eine lustige Szene.

Dann bin ich den Weg hinuntergegangen, dort, wo die Bahngleise verlaufen. Zwischen Sträuchern und Böschungen, mit Blick auf die Schienen – und man konnte die Tiere von dort wunderbar vom Gehweg aus beobachten. Einige Kaninchen saßen einfach da, direkt zwischen den Gleisen, als wär’s der friedlichste Ort der Welt. Sie sprangen darüber, hockten dazwischen, schienen völlig unbeeindruckt vom metallenen Ernst dieser Welt.
Ich stand dort und dachte mir: Merken sie es, wenn ein Zug kommt? Spüren sie das Zittern im Boden, hören sie das Rattern schon aus der Ferne? Oder verlassen sie sich einfach darauf, dass alles gut geht?
Ich weiß es nicht. Aber ich hoff’s für sie. Und ich hoff, dass sie noch lang dort leben – diese kleinen, wilden Stadtkaninchen, die sich einfach Platz gemacht haben, mitten zwischen Menschen, Schienen und Wind.





Und wenn es dann langsam dunkel wird, heißt das für die Kaninchen noch lange nicht: „Ab ins Bett.“ Im Gegenteil. Sie tummeln sich weiter, huschen durchs Gras, futtern im Schein der letzten Sonnenstrahlen und bleiben noch eine Weile. Und das ist dann ganz besonders hübsch anzuschauen – wenn sie da sitzen, ganz still, inmitten der bunten Lichter. Manche kommen direkt von der Donau und tanzen im Wasser, andere schimmern von den Ampelanlagen der Gleise herüber. Ein bisschen wie ein Lichterfest, nur mit Hasen.
Und mitten in Wien übrigens – einer Stadt, die ganz und gar nicht so grau ist, wie viele vielleicht glauben. Überall gibt’s da Grün. Bäume, Parks, Wiesen. Und die Donauinsel? Die ist sowieso ein eigenes Kapitel. Ein riesengroßes Naherholungsgebiet, wahrscheinlich das größte der Stadt. Und wenn man Glück hat, findet man dort eben auch ein paar flauschige Geschichten.

Übrigens: Ich war nicht zum ersten Mal dort. Schon im Vorjahr hab ich den kleinen Großstadthasen einen Besuch abgestattet – damals war alles noch ein bisserl kühler und das Licht ein anderes, aber die Faszination war dieselbe. Wenn du magst, kannst du hier nachlesen, wie das war.
Der Handelskai mit seinen flauschigen Bewohnern ist für mich inzwischen einer meiner Lieblingsfotospots in Wien geworden. Nicht nur wegen der Kaninchen, sondern auch wegen der Atmosphäre – irgendwo zwischen Bahngleisen, Donauwellen und Picknickdecken. Man muss ein bissl genauer hinschauen, ein bissl geduldig sein – aber wer das tut, wird mit Bildern belohnt, die man so nicht überall machen kann.
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