Vom Fliegen, Landen und anderen Kunststücken: Ein Besuch bei den Floridsdorfer Reihern

Manchmal muss man gar nicht weit reisen, um etwas wirklich Erstaunliches zu sehen. Mitten in Floridsdorf, nur ein paar Schritte von der U-Bahn entfernt, wartet ein echtes Naturspektakel: die Reiherinsel im Wasserpark.

Die Reiherinsel im Wasserpark

Mitten im Wasserpark liegt die Reiherinsel. Ein Fleckchen Erde, auf dem die Bäume so dicht stehen, als hielten sie sich gegenseitig an den Zweigen fest. Wer jetzt auf den Bänken am Ufer Platz nimmt, sieht sofort, was dieses Eiland so besonders macht: Es ist das Hauptquartier der Graureiher (Ardea cinerea).

Dynamik in Grau: Ein Graureiher (*Ardea cinerea*) im weiten Segelflug über dem Wasserpark.

Es ist faszinierend, diesen großen Vögeln zuzusehen. Man sollte meinen, wer so majestätisch durch die Lüfte segelt, dem falle das Landen leicht. Aber weit gefehlt! Das Präzisions-Starten und vor allem das Einparken auf den dünnen, schwankenden Ästen ist für die Vögel mit ihren riesigen Schwingen eine echte Herausforderung. Da braucht es oft mehrere Anläufe und viel Balancierarbeit, bis sie einen sicheren Stand gefunden haben oder sich wieder elegant in die Luft schrauben können.

Urban Wildlife: Wildnis mit Kirchturmspitze

Das Besondere an diesem Spektakel ist die Kulisse. Die Reiher fliegen hier nicht über einsame Sümpfe, sondern ziehen ihre Kreise direkt vor dem Florido Tower, dem Donauturm oder der grünen Kuppel der Donaufelder Kirche. Dieser Kontrast zwischen der uralten Eleganz der Vögel und dem modernen Stadtbild macht den Wasserpark zu einem meiner absoluten Lieblings-Fotospots in Wien.

Einmal stand einer der Reiher so nah bei mir im Gehölz am Ufer, um nach Stöckchen für sein Nest zu suchen, dass ich völlig perplex war. Eigentlich sind sie ja scheu, aber im Frühlingsfieber vergessen sie die Welt um sich herum. Ich musste sogar von meinem Teleobjektiv (das man hier unbedingt dabei haben sollte!) auf eine kürzere Brennweite wechseln, weil der Vogel einfach nicht mehr ganz ins Bild passte.

Naturaufnahme: Ein Graureiher steht sehr nahe an einer Wiese im Gehölz des Wiener Wasserparks und sucht nach Hölzern für den Nestbau.
Suche am Boden: Ein Graureiher im Unterholz des Wasserparks, aufgenommen aus direkter Nähe bei der Nahrungssuche.

Volle Kraft voraus: Nestbau und Brutgeschäft

Momentan herrscht auf der Reiherinsel Hochbetrieb. Es ist die Zeit der großen Anstrengung. Haben sich die Paare erst einmal gefunden, beginnt die Logistik-Phase. Ich habe neulich beobachtet, wie ein Reiher mit einem Stöckchen im Schnabel ankam, das mindestens doppelt so lang war wie sein eigener Hals. Da braucht es Kraft und Geschick, um das Material sicher durch die Luft zu manövrieren. Ein anderer stand so lange auf einem Bein und fixierte ein bestimmtes Ästchen, als ob er es durch reines Anschauen zum Abbrechen bringen wollte. Es ist eine faszinierende Choreografie der Ausdauer: Der eine besorgt das Baumaterial, der andere (meistens das Weibchen) verbaut es kunstvoll im Nest. Es ist beeindruckend zu sehen, wie aus einfachen Zweigen so stabile Horste entstehen.

Aber Nestbau ist nicht alles. Auf vielen Horsten wird bereits gebrütet. Da hocken sie nun, die stolzen Vögel, tief versunken im Geäst. Oft sieht man nur noch den Schnabel oder die schwarzen Federn am Hinterkopf über den Nestrand ragen. Manchmal sieht man auch, wie sich die Partner ablösen: Der ankommende Vogel begrüßt den brütenden mit einem leisen Krächzen und einer eleganten Verbeugung, bevor er den Platz auf den Eiern übernimmt.

Von rabiaten Gänsen und einsamen Schildkröten

Aber nicht nur in den Baumkronen ist etwas los. Wenn man den Blick senkt, entdeckt man noch viel mehr:

Actionreiches Naturfoto: Eine Kanadagans schwimmt mit aufgerissenem Schnabel und aggressiver Haltung direkt auf eine flüchtende Stockente im Wasserpark Wien zu.
Revierstreitigkeiten: Eine Kanadagans (hinten) macht lautstark klar, wer der Boss im Wasserpark ist, und verjagt einen Stockenten-Erpel.
achliche Naturaufnahme: Ein Amsel-Weibchen steht auf einer Wiese im Wasserpark Wien und hält mehrere Regenwürmer als Beute im Schnabel.
Erfolgreiche Jagd: Ein Amsel-Weibchen (*Turdus merula*) sichert sich Regenwürmer für die Fütterung der Jungtiere.
Eine Gelbwangen-Schmuckschildkröte sitzt auf einem Totholz-Ast im Wasser des Wiener Wasserparks und sonnt sich.
Fremder Gast: Eine Gelbwangen-Schmuckschildkröte (*Trachemys scripta scripta*) beim Sonnenbad auf Totholz. Diese ursprünglich aus Nordamerika stammende Art wurde vermutlich ausgesetzt und lebt nun im Ökosystem des Wasserparks.

Ein Tipp für den nächsten Ausflug

Egal, ob ihr nun mit dem Profi-Teleobjektiv anrückt oder einfach nur ein Fernglas einpackt (was ich jedem Nicht-Fotografen dringend empfehle): Setzt euch auf eine der Bänke und schaut einfach nur zu. Es ist das beste Theaterstück der Stadt, und es kostet nicht einmal einen Cent Eintritt.

Ich werde jedenfalls bald wieder hinschauen. Spätestens wenn die Jungen geschlüpft sind und ihr hungriges Gequäke über das Wasser schallt – das klingt dann ein bisschen so, als würde ein ganzes Orchester aus alten, rostigen Gartentüren gleichzeitig quietschen.

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Kommentare

2 responses to “Vom Fliegen, Landen und anderen Kunststücken: Ein Besuch bei den Floridsdorfer Reihern”

  1. Avatar von claengrich53

    Du machst immer wieder schöne Bilder! Toll anzusehen!

  2. Avatar von Agnes Ackerl

    Vielen Dank! 😀

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